Transmediales Storytelling und Alternate Reality Games – ein neuer Trend für Recruiting und Cultural Change-Maßnahmen in Unternehmen?

21. Mrz 2012 in NARRATA erzählt

NARRATA Consult fragt nach! – bei den imaginary friends in Berlin

Stellen Sie sich vor, Sie kommen wie jeden Morgen in Ihr Büro und plötzlich passiert Folgendes:
Sie werden einem Geheimkommando unterstellt, ihr Chef verschwindet spurlos, der Emailserver verschickt rätselhafte Nachrichten, ihre Unterlagen sind alle geschreddert – doch halt!
Ihr Chef hat ihnen eine Nachricht hinterlassen, eine Spur, der sie nachgehen können. Um den laufenden Betrieb des Unternehmens weiterhin aufrecht zu erhalten schließen sie sich mit den anderen Mitarbeitern kurz und gehen gemeinsam der Spur nach, die sich schon bald aufspaltet in ein ganzes Netz voller Spuren. Welches ist darin nur die richtige? Und wie passt dieses andere Unternehmen ins Spiel, das erst kürzlich eine Auftragsbestätigung für eine Lieferung nach Brasilien bestätigt hat, von der sie noch nie zuvor etwas gelesen haben. Nur wenn sie es gemeinsam schaffen, dass alle an einem Strang ziehen, dann können sie Licht in den Wald der vielen Fragezeichen bringen.
…dann könnte es sein, dass Sie mitten in einem Alternate Reality Game (ARG) gelandet sind!

ARGs sind bei der Vermarktung von  Büchern, Filmen, Dokumentationen, oder Theaterproduktionen seit ein paar Jahren DER Trend. Nun hat „transmedialen Storytelling“ die Aufmerksamkeit von Unternehmen geweckt.

  • Was aber sind ARGs genau?
  • In welchen Kontexten sind sie für Unternehmen interessant?
  • Was bringt diese Art von Games bzw. welche Effekte können damit erzielt werden?

Fragen über Fragen… Auch für die Projekte und Angebote von NARRATA Consult stellt diese Form von Storytelling eine interessante Ergänzungsmöglichkeit dar, deshalb wollten wir dieser Sache einmal tiefer auf den Grund gehen.

Wir haben jeztzt die Freude, zwei Experten auf dem Gebiet des transmedialen Storytellings im Interview mit Karin Thier zu Wort kommen zu lassen, nämlich Dorothea Marin und Patrick Möller. Die beiden haben das Netzwerk imaginary friends gegründet, das sich auf die Konzeption und Erstellung von ARGs spezialisiert hat.

NARRATA Consult: Könnt ihr uns kurz erklären, was ARGs bzw. transmediales Storytelling eigentlich genau ist?

Imaginary friends: Transmedia Storytelling ist die Kunst, Geschichten über mehrere Medien und Plattformen hinweg aufzubauen und für bzw. mit den Lesern/Spielern/Teilnehmern, eine Erlebniswelt zu schaffen, an der sie interaktiv teilhaben können. Eingesetzt wird es entweder als eigenständiges Erzählformat oder im Marketing. Im Marketing ist das transmediale Storytelling Format des Alternate Reality Games sehr beliebt. Als Alternate Reality Game bezeichnet man ein auf verschiedene Medien zurückgreifendes Spiel, bei dem die Grenze zwischen fiktiven Ereignissen und realen Erlebnissen bewusst verwischt wird.

NARRATA Consult: Was ist in euren Augen das Besondere / Einzigartige / Neue an ARGs?

Imaginary friends: Nun, zum Einen regen ARGs die Phantasie unheimlich an – als Spieler erlebt man seine Umwelt viel umfassender, da sie auf einmal auch Teil einer fiktiven Welt ist, die den eigenen Alltag durchdringt. Zum Anderen bereichern ARGs das Leben von Spielern durch das kollaborative Element: alleine kommt man nicht weiter, also sucht man sich Mitstreiter und löst die Rätsel gemeinsam. Dadurch entstehen neue Verbindungen, man entdeckt aber meist auch neue Seiten an sich…

NARRATA Consult: Worin liegt der Mehrwert von ARGs speziell für Unternehmen?

Imaginary friends: Das ergibt sich eigentlich recht organisch aus den Besonderheiten von ARGs. Hinzufügen könnte man hier noch, dass sich Mitarbeiter bei dieser Spielform nicht nur untereinander viel besser kennenlernen, sie können sich auch mit ganz neuen Stärken einbringen; Man erfährt während des ARGs wer ein heimlicher Experte auf einem bestimmten Gebiet war und an wen man sichin Zukunft mit ähnlichen Problemen richten kann. Beim Spiel kommt man sehr viel schneller in Flow-Zustände, die grundlegende Zufriedenheit wird gesteigert.(oder: Das gemeinsame Bewältigen von Aufgaben, das Lösen eines Spiels, schweißt zusammen – interne Kommunikationsprozesse werden angeregt, Mitarbeiter bringen sich ganzheitlicher ein.

NARRATA Consult: In welchen Kontexten lassen sich ARGs eurer Meinung nach in Unternehmen am besten einsetzen?

Imaginary friends: Sobald es um die Verbesserung von Zusammenarbeit geht, fürs Erleben von Unternehmenskultur, aber auch bei der Entwicklung der Werte, die ein Unternehmen auszeichnen. Natürlich bindet das emotionale Erlebnis eines ARGs Mitarbeiter auch ganz anders untereinander, wie auch ans Unternehmen. Als Recruiting-Maßnahme haben wir tatsächlich schon ein ARG entwickelt (s.u.)

NARRATA Consult: Welche Voraussetzungen braucht es in Unternehmen für die Durchführung eines erfolgreichen ARGs?

Imaginary friends:Vertrauen in seine Mitarbeiter aber auch in uns und unsere Arbeit. Das bedeutet, dass wir vorab unheimlich viel über das Unternehmen und seine Arbeitsweise erfahren müssen, um gut konzipieren zu können. Während das Spiel läuft, braucht es Raum um sich entwickeln zu können – so sollten sich alle Eingeweihten an klare Kommunikationsvorgaben halten, um das Spiel aufrecht zu erhalten. Und zu guter Letzt ist die Nachbereitung ganz entscheidend für den Erfolg.

Die imaginary friends aus Berlin

Die imaginary friends aus Berlin

NARRATA Consult: Wie aufwändig ist der Einsatz von ARGs?

Imaginary friends: ARGs sind keine Stangenware, sondern sehr individuelle Geschichten, die umfangreiche Planung vorab und gute Betreuung während des Verlaufs erfordern. Im Prinzip etabliert man ja eine zweite Realität und da gibt es kein Gerede um den heißen Brei: ARGs sind aufwändig. Ihre Wirkung ist dafür dementsprechend.

NARRATA Consult: Habt ihr ein paar Beispiele für uns, wo ARGs erfolgreich eingesetzt wurden?

Imaginary friends: Die Beispiele, auf die wir am liebsten verweisen, da wir entweder beide oder aber einer von uns beteiligt war, stammen aus unserer Zeit bei vm-people. „Join the Pirates“ war ein ARG zu Recruiting-Zwecken, entwickelt für die Unternehmensberatung Roland Berger, „Play the Player, not the Cards“ dagegen war ein ARG zum Thriller „Der Regler“. Weitere Beispiele haben wir hier zusammengestellt.

Vielen Dank für das Interview und viele Grüße,
Karin Thier

Was glauben Sie: Werden Sich Alternate Reality Games in Unternehmen durchsetzen? Für welche Maßnahmen und Unternehmensprozesse eignen sich solche Art von Games? KönntenSie sich ein ARG in Ihrem eigenen Unternehmen vorstellen, oder haben Sie gar schon Erfahrungen damit gemacht?

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