Transfer Stories – Wissenstransfer bei Fach- und Führungskräftewechsel

18. Jun 2014 in Aktuelles, Allgemein

Gestern besuchte ich ThyssenKrupp Steel in Duisburg, um den ehemaligen Leiter der Abteilung Personalentwicklung und Wissensmanagement zu treffen. Er kam zu seiner alten Firma, um ein paar ehemalige Kollegen zu treffen und mit ihnen und mir einen Erfahrungsaustausch mehrerer Stahlunternehmen zum Thema Wissenstransfer zu organisieren.
Das macht er ehrenamtlich, denn er ist seit April 2014 in Rente. Auch seine engste Kollegin, mit der er in den letzten Jahren rund 190 Experten des Stahlunternehmens in die Rente begleitet hat und deren Wissen und Erfahrungen er an deren Nachfolger transferierte, auch sie geht im September in Rente.
Die beiden wichtigsten Ansprechpersonen für Wissenstransfer-Methoden beim Fach- und Führungskräftewechsel gehen nun selbst in Rente – ein bisschen ist dies eine Ironie des Schicksals, könnte man meinen.

Aber zum Glück lebt der Wissenstransfer bei ThyssenKrupp weiter, die Kompetenzen der beiden sind an andere weitergegeben worden. Und sie sind auch weiterhin aktiv, ihr Wissen zu teilen – zum Beispiel am 03. Juli, an dem sich rund 20 Verantwortliche für Wissenstransfer treffen werden, alle aus der deutschen Stahlbranche.
Denn die gesamte Branche bewegt der vielzitierte demographische Wandel – alle haben ähnliche Erfahrungen wie die Duisburger, dass die erfahrenen Mitarbeiter, seien es Fachexperten oder Führungskräfte, in Rente gehen und ihr Erfahrungswissen mitnehmen.
Dementsprechend wichtig nehmen sie alle das Thema Wissenstransfer und sind neugierig auf Methoden, das wertvolle Wissen ihrer erfahrenen Mitarbeiter zu bewahren.

Am 03.Juli also werde ich ihnen von narrativen Herangehensweisen im Wissenstransfer erzählen und von der methodischen Vielfalt generell, die es auf dem Markt rund um das Schlagwort „Wissenstransfer“ gibt:

Die Handwerkerzünfte – Vorbild für Wissenstransfer

Der Spruch „früher war alles besser“ trifft beim Thema Wissenstransfer zu, zumindest für die Zeit, die ein Nachfolger hatte, um das Expertenwissen seines zukünftigen Berufes Schritt für Schritt zu erlernen. Und zwar im engen Austausch mit dem Experten und direkt bei der zu lernenden Tätigkeit, so dass durch Beobachten, Nachahmen und dank enger Absprache mit und Feedback durch den Experten auch implizite Wissensanteile und Erfahrungswissen des Experten übertragen werden konnten. Die alten Handwerkerzünfte machten dies vor – der Lehrling lernte direkt neben dem Meister über Jahre hinweg jeden Handgriff und Kniff seines Meisters kennen.

Heutzutage sind die Übergabezeiten zwischen Nachfolger und Wissensträger wesentlich kürzer; darüber hinaus ist es oft genug nicht möglich, den Wissenstransfer in der authentischen Umgebung, am Arbeitsplatz selbst also, zu organisieren. Dies wäre aber die beste Art, den Experten und den Nachfolger zusammenzubringen und das Erfahrungswissen des Experten auszutauschen. Denn dann wird das Wissen in der Situation abgefragt, in der es auch angewandt wird. Daher sind alle Wissenstransfer-Situationen on-the-job, also etwa direkt am Steuerstand einer Anlage, einem Gespräch in einem vom Arbeitsalltag losgelösten Setting vorzuziehen.

Doch welche Möglichkeiten gibt es, auf das Erfahrungswissen des Experten zuzugreifen, wenn der Experte sein Wissen nicht über Jahre hinweg, direkt an Ort und Stelle seiner Tätigkeit weitergeben kann? Sondern es rückblickend, also retrospektiv in einem wie auch immer gearteten Übergabegespräch formulieren soll?

Seit Anfang der 90er Jahre sind hierfür einige spezielle Wissenstransfer-Methoden entwickelt worden, die sich grob in zwei Gruppen aufteilen lassen:

      • In solche, die eine individualisierte Herangehensweise, eine Ausrichtung auf den Dialog und auf Reflexionsprozesse bei der Erfassung und der Weitergabe von Wissen haben,
      • sowie solche, die ein standardisiertes, strukturiertes Vorgehen für Erfassung und Transfer heranziehen.

Diese beiden Ausprägungen sind aber nur Endpole auf einem Kontinuum und viele Wissenstransfer-Methoden sind nicht eindeutig zuzuordnen, sondern mischen methodische Schritte und Tools aus diesen beiden grundlegenden Herangehensweisen.

Eine dieser Mischformen sind die Transfer Stories, die den Experten in narrativen Interviews viel Raum zum Erzählen seiner Erinnerungen, Anekdoten, positiver wie negativer Ereignisse etc. geben und Passagen aus diesen Gesprächen auch in der Wissensdokumentation für spätere Wissensnehmer vorhalten. Diese offenen Elemente sind eingebettet in ein strukturiertes Prozessvorgehen, das gezielt die Wissensbedarfe aller Stakeholder einholt und darauf aufbauend halbstrukturierte Interviews einsetzt, um die Erfahrungen des Experten zu den genannten Wissensbereichen zu heben.

Mehr zu dieser Mischform unter den Wissenstransfer-Ansätzen demnächst hier im Blog – wenn wir über den 03.Juli und dem Erfahrungsaustausch der Verantwortlichen für Wissenstransfer in der Stahlbranche berichten.

Beste Grüße sendet

Christine Erlach

P.S.: In unserem Fachbuch „Wissenstransfer bei Fach- und Führungskräftewechsel – Erfahrungswissen erfassen und weitergeben„, erschienen 2013 beim Hanser Verlag, betrachten wir nicht nur die verschiedenen Wissenstransfer-Methoden genauer, sondern u.a. auch (un)günstige Rahmenbedingungen für Wissenstransfer, unternehmenskulturelle und personalpolitische Voraussetzungen sowie mehrere Fallbeispiele aus verschiedenen Branchen.

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