Wissensmanagement bei ThyssenKrupp Steel Europe – ein spannender Besuch in Duisburg

24. Mai 2012 in NARRATA erzählt

Die Fachtagung „Wissensmanagement in der Instandhaltung“ (siehe Blogbeitrag dazu) brachte nicht nur viele neue Eindrücke in die Wissensmanagement-Landschaft der anwesenden Unternehmen, sondern auch erfreulich viele weiterführende Kontakte zu interessanten Menschen – einer davon ist Dr. Benjamin Nakhosteen, der bei ThyssenKrupp Steel Europe für das integrative Wissensmanagement verantwortlich ist.

So kam es, dass ich letzten Montag einen Ausflug nach Duisburg machte, um mit Dr. Nakhosteen über den integrativen Wissensmanagement-Ansatz zu sprechen, den er bei ThyssenKrupp Steel in den letzten Jahren zum Laufen brachte.

Die Kern-Essenz des anregenden Gespräches: um Wissen – hier das Wissen der Fachexperten an den verschiedenen Steuerständen – zum Fließen zu bringen, braucht es eine Kombination aus Kommunikationsstrategien und Dokumentations-Methoden. Wissenstransfer von Erfahrungswissen kann nicht ohne diese beiden Elemente ins Unternehmensgedächtnis überführt werden.

Besonders das Erfahrungswissen, das sich gerne klassischen Erfassungstools (wie etwa Checklisten und strukturierten Interviewleitfäden) entzieht, benötigt eine narrative Herangehensweise, um es aus den Köpfen der Mitarbeiter in Worte und Bilder zu übersetzen: es funktioniert nicht, ein Wiki aufzusetzen und die Mitarbeiter zu bitten, ihr Erfahrungswissen zu den einzelnen Handlungen und den nötigen Maßnahmen, etwa bei einem Stillstand, niederzuschreiben.

Dr. Nakhosteen sieht das ganz genauso und setzt sich daher zu dem Facheperten in den Steuerstand, um ihn erzählen zu lassen, was er gerade so macht und was es in welcher Situation zu beachten gilt. Da trafen am Montag zwei verwandte Seelen aufeinander, denn wir arbeiten in sehr ähnlicher Weise und setzen ebenso auf Zuhören und Erzählen lassen, wenn es um das Aufspüren von Experten- und Erfahrungswissen geht.

Bemerkenswert: Dr. Nakhosteen bildet sein Team aus, offen und auf gleicher Augenhöhe mit den Mitarbeitern an den Steuerständen ins Gespräch zu kommen und hat dank der Rückendeckung durch das Topmanagement die Möglichkeit, diese offenen Gespräche über Wochen zu wiederholen, bis ein möglichst vollständiges Abbild des Erfahrungswissens vorliegt, das für die Bedienung des entsprechenden Steuerstandes notwendig ist.

Ein Abbild entsteht in der Tat, denn sein Team bereitet die Ergebnisse aus den narrativen Erfassungsgesprächen jedes Mal anders auf, um den jeweiligen Wissensinhalten gerecht zu werden. Alle in eine explizierte Form übersetzten Wissensinhalte – das können Text, Bild, Graphik, Entscheidungsbaum, Video oder Schmemazeichnung der Anlage usw. sein – werden in einer eigens entwickelten IT-Umgebung für das gesamte Unternehmen zur Verfügung gestellt. Hier zeigt sich das enorme Potential und aber auch der gehörige Aufwand, wenn man sich daran macht, Erfahrungswissen für andere verfügbar zu machen: ohne die redaktionelle Aufbereitungsarbeit des Wissensmanagement-Teams bei ThyssenKrupp Steel oder bei uns bis hin zu einer Erfahrungsgeschichte klappt es nicht mit der Dokumentation „auf Halde“.

Die Alternative sind natürlich immer direkte Kommunikation zwischen Wissensgeber und Wissensnehmer, nach wie vor der Königsweg für den Transfer von Erfahrungswissen. Da aber oft der Nachfolger nicht verfügbar ist oder das Erfahrungswissen nicht nur einzelnen Personen, sondern der gesamten Organisation zugute kommen soll, kommt man um eine durchdachte Dokumentation nicht herum. Wohlgemerkt: eine Dokumentation kann niemals die Tiefe an Wissenstransfer herbeiführen, wie es eine direkte Interaktion kann!

Aber eine Dokumentation kann solche direkten Interaktionen zwischen Wissensgebern und -Nehmern initiieren und inhaltlich steuern: sei es die Visualisierung der einzelnen Handlungsstränge am Steuerstand bei ThyssenKrupp Steel mittels eines Entscheidungsbaumes, ein Detailbild einer Anlagenkomponente oder ein Erfahrungsdokument, das die Erzählungen der Wissensgeber in einen roten Faden bringt und mit Faktenwissen vereint, immer dient eine solche „Materialisierung“ des Erfahrungswissens dem Anstoß von Dialogen unter den Mitarbeitern.

Fazit des Erfahrungsaustausches mit Dr. Nakhosteen: nur durch eine Kombination aus Kommunikationsstrategien, und zwar sowohl bei der Erfassung (also der Einsatz narrativer Methoden) als auch bei der Weitergabe von Wissen, mit einer redaktionell begleiteten Dokumentation kann das schwer fassbare verborgene Erfahrungswissen an andere Mitarbeiter und an das Unternehmensgedächtnis weitergegeben werden.

Auf dass Wissen weiterhin zum Fließen gebracht werde! Unser Austausch war nicht nur spannend und sehr angenehm, sondern führt gleich zu einem gemeinsamen Projekt: wir werden unsere Erfahrungen mit dem Transfer von Erfahrungswissen als Vortrag auf der Knowtech 2012 anbieten – ich freue mich schon auf die weitere Zusammenarbeit!

Sonnige Pfingsten wünscht Christine Erlach

Es gibt noch keine Kommentare, bitte fügen Sie Ihren Kommentar hier ein.

Ihr Kommentar