Was Winzerinnen, Storytelling und Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben….

08. Aug 2013 in NARRATA erzählt

Obschon der Titel dieses Blogs Assoziationen eines warmen Sommerabends in mir weckt, ein Glas kühlen Weißweines in der einen Hand, einen packenden Roman in der anderen, stockt mein Tagtraum spätestens beim Wort Nachaltigkeit: wie passt das ins Bild? Was hat Nachhaltigkeit mit Storytelling zu tun?
Nun, dieser Frage geht derzeit die Winzerin Petra Mayer nach, die eine Masterarbeit zum Thema Nachhaltigkeit und Storytelling schreibt und auf uns mit der Bitte um Experteninterviews für den 2. Teil dieser interessanten thematischen Klammer zukam.
Aber lassen wir Frau Mayer selbst erzählen, wie es ihr so in der heißen Phase der Masterarbeit ergeht und welch spannende Brücken sie zwischen Nachhaltigkeit und Storytelling schlägt!

Wenn mich derzeit einer fragt „Was machst du denn so?“, antworte ich: „Ich schreibe eine Masterarbeit über narrative Nachhaltigkeitskommunikation“. Ein großes Fragezeichen zeichnet sich in der Mimik meines Gegenübers ab…

…Umschreibe ich es mit: „Geschichten darüber erzählen, wie die Welt durch unser Handeln ein bisschen besser wird“, ernte ich großen Zuspruch und werde aber auch gefragt: „Toll – aber was ist daran neu? Das machen wir ja eh schon seit jeher. Schon unsere Vorfahren haben sich am Feuer Geschichten erzählt und ihr Wissen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben.“
Bingo! Storytelling klingt also wie das perfekte Tool für die Nachhaltigkeitskommunikation! Kann ja nicht so kompliziert sein – so dachte ich, bis ich mich, wie es sich für eine wissenschaftliche Arbeit gehört, auf die Suche machte, dieses angebliche Allerweltswissen fundiert zu belegen.
Kaffeepott-und-Brainstorming-Storytelling
Von da an wuchs meine Verwirrung täglich. Mein motivierter Aufbruch führte mich in die komplexe Welt der Literaturwissenschaft, der Erzähltheorie, der Semantik, der Narratologie und schließlich zur narrativen Psychologie. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch mal betonen, dass ich „Nachhaltigkeitsmanagement“ studiere, und nicht etwa Geisteswissenschaften, und von Haus aus Winzerin bin – also alles Neuland.
Ich befand mich im Dschungel, mein Kaffeekonsum wuchs täglich mehr an. Ich hatte das Gefühl, jeder Lichtblick, den ich mir durch das Quellengestrüpp geschlagen habe, wucherte sofort mit neuen Querverweisen wieder zu.
Während meines Fernstudiums „Nachhaltigkeitsmanagement“ an der Leuphana Universität ist mir bewusst geworden, dass der Begriff Nachhaltigkeit als Leitbildgedanke – trotz vieler Studien, tollen Broschüren und zahlreichen Aktionen – auch zehn Jahre nach der Verabschiedung der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie nicht in den Köpfen der Menschen verankert ist.

Was jedoch auf Resonanz in den Herzen der Menschen stößt, sind die Teilaspekte, die den Prozess der Nachhaltigen Entwicklung ausmachen. Zum Beispiel Generationengerechtigkeit, artgerechte Tierhaltung oder Regionalität. Das verstehen die Menschen, vor allem wenn sich die Nachhaltigkeitsthemen mit ihrer Alltagswelt verknüpfen bzw. Bilder aus ihrer eigenen Lebenserfahrung anrühren. So viele unter uns erinnern sich an unbeschwerte Kindheitstage, z. B. als das Brot noch selbstgebacken von der Oma aus dem Ofenrohr kam.

Der Blick meiner Arbeit ist nicht auf die narrative Produktwerbung und den Möglichkeiten gerichtet, mit fiktiven Erzählungen eine Scheinveränderung zu inszenieren. Mich interessiert, wie mittels realen Inhalten und authentischen Erfahrungsgeschichten die Menschen authentisch eingebunden werden können. Es interessiert mich deshalb, weil wir es sind, die als Konsumenten tagtäglich mit unserer Einkaufsentscheidung über die Gestaltung und die Zukunft unserer Welt entscheiden. Und weil es viele Menschen gibt, die sich täglich Gedanken darüber machen, wie neue Lösungen im Produktionsprozess gefunden werden, damit die Produkte unseres täglichen Bedarfs, ökologisch und sozialer gerechter werden. Und weil es irgendwo auf der Welt Menschen gibt, die sich genau zu diesem Problem den Kopf zerbrechen.

Ist Storytelling demnach nicht auch ein Instrument zur Steigerung der „Effizienz“ in dem wir das Nachhaltigkeitswissen, d. h. die neuen Erfahrungen miteinander teilen? Und davon profitieren, dass wir schneller auf Lösungen kommen, an die wir vorher vielleicht noch gar nicht gedacht haben? Und hat Storytelling nicht auch eine soziale Dimension, wenn man bedenkt, dass es macht Spaß, sich auszutauschen, Wertschätzung zu erfahren und den Sinn im eigenen Tun zu erkennen?

Noch habe ich einige Abenteuer zu überstehen, bis ich die „Storytelling“-Lade in gebundener Form nach Lüneburg gebracht habe. Doch einige „Handlungsknoten“ habe ich bereits gelöst, und ein bisschen verändert hab ich mich auch schon. Auch dank der guten Helfer, die mich auf dieser Reise begleitet haben: Mein Dank gilt Christine Erlach, Dr. Karin Thier und Dr. Hermann Sottong. Ich hoffe, meine persönliche Story hat ein Happy End – zunächst für mich, aber auch für die nachfolgenden Generationen, denen ich meine Arbeit widmen werde. Denn es liegt an uns, welche Geschichten sie sich eines Tages erzählen werden – ob am Feuer oder am digitalen Multifunktionsalleskönnergrill.

08. August 2013, Petra Mayer, Baden-Baden

Wir sind schon sehr gespannt auf diese Masterarbeit, denn Geschichten wecken Emotionen, berühren uns. Und nur wer berührt ist, wird sich dem sonst abstrakt bleibenden Konzept der Nachhaltigkeit öffnen – daher sind wir ganz der Meinung von Frau Mayer: ja, Storytelling und Nachhaltigkeit sind ein sehr gutes, zukunftsweisendes Paar!

Einen schönen warmen Sommerabend mit einem guten Buch und einem leckeren Gläschen Wein wünscht Ihnen
Christine Erlach

2 Kommentare

  • Petra Gabler sagt:

    Hallo, kann man diese Masterarbeit irgendwo lesen? Mich würde sie sehr interessieren. Schreibe über Storytelling in Thermen und will diese Masterarbeit bei Bedarf zitieren.
    Danke
    LG

  • Karin Thier sagt:

    Hallo,
    bitte schreiben Sie doch über info@narrata.de und teilen Sie mir Ihre Mailadresse mit. Gerne stelle ich den Kontakt zu Petra Mayer her. Mit ihr können Sie dann alles besprechen.
    Beste Grüße,
    Karin Thier



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