Mal wieder Uni-Luft geschnuppert: Besuch der 7. Konferenz Professionelles Wissensmanagement in Passau

19. Mrz 2013 in NARRATA erzählt

Nach einer langen Anreise durch eisige Kälte freute ich mich darauf, auf der Tagung alte Bekannte zu treffen und mal wieder Uni-Luft zu schnuppern – denn traditionellerweise wird diese Tagung alle 2 Jahre von einer anderen Universität ausgerichtet und so war diesmal Prof. Franz Lehner und sein Team des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der Universität Passau mit der Organisation betraut.
Fabelhaft an dieser Tagungsreihe ist die Vielfalt der Disziplinen, die ihre Forschungen zum Wissensmanagement vorstellen und dementsprechend vielfältig und bunt gemischt waren die Beiträge der Wissenschaftler: der Mathematiker Michael Kohlhase zum Beispiel sprach über die Möglichkeiten, Annotationen in CAD-Systeme im Engineering einzuprogrammieren, so dass ein Fertiger für ein bestimmtes Werkstück jederzeit auf alle Hintergrundinformationen, alle Konsequenzen am gesamten Werkstück bei kleinen Änderungen und vieles mehr im CAD-System selbst zugreifen kann.
Es gab noch einige andere Beiträge, die für Nicht-ITler ziemlich technologie-lastig und auf bestimmte Teilaspekte des Wissensmanagement fokussiert waren, etwa die Frage, inwieweit ein Multi-Agent-System die Suchzeiten für Internet-Recherchen (der Prototyp wurde bei medizinischen Reisediensten evaluiert) verringert oder inwieweit Text Mining der Beiträge von Usern in „Ideation“-Foren einen Mehrwert für die Innovation neuer Produkte liefert.

Abgehoben? Nein, gar nicht, denn die Wissenschaftler stellten Grundlagenforschung vor, so dass man auch ohne tiefere fachliche Kenntnisse genau nachvollziehen konnte, welche Forschungshypothesen mit welchem Wirkungsgrad bestätigt oder eben falsifiziert wurden.

Soviel zur „Uni-Luft“, denn diese Grundlagenarbeit kriegt man sonst auf Tagungen selten mit.
Neben diesen „speziellen“ Beiträgen gab es einige sehr spannende Beiträge, die mir als Nicht-ITlerin besonders gefielen – ich greife mal drei heraus, die ich sehr interessant fand:

  • Ulrich Schmidt und Tobias Gabat zeigten, wie die EnBW für die durch Wissensbilanzen identifizierten Handlungsfelder rund 300 Wissensmanagement-Maßnahmen ableitete und wie diese Maßnahmen einer Erfolgskontrolle unterzogen werden, die das Modell eines Maßnahmen-Lebenszyklus zugrundelegt – eine Maßnahme hat also nicht einfach nur zu starten, sondern sie muss auch laufend auf ihre Wirkung überprüft werden und bei abnehmender Wirkung auch wieder eingestellt werden. Eine Binsenweisheit? Nun, wer mit Luhmann systemisch denkt und Großkonzerne und deren Trägheit kennt, weiß, wie viele Dinge getan werden, weil keiner sagt, dass man wieder damit aufhören kann….
  • Dirk Liesch nahm uns mit in eine Zukunft, in der jeder Internetnutzer eine eigene Wissensumgebung hat, in der alle anderen Social Media-Plattformen zusammenlaufen – um mitzukriegen, was Freunde und Kollegen so in Facebook, LinkedIn, Xing und dergleichen mehr so treiben, muss man sich also nicht mehr dort in den Diensten einloggen, sondern nur auf seine eigene Umgebung. Und wenn man selbst etwa ein neues Foto hochladen will, tut man das einmal für alle Dienste und nicht x-mal in jeder Anwendung für sich. Die Open Source Wissensumgebung „manitou4u“ wird gerade von einigen hellen Köpfen ehrenamtlich erdacht, über Crowdfunding finanziert und sucht Mitstreiter und Unterstützer jeglicher Couleur.
  • Zuguterletzt mein persönlicher Highlight: eine Gruppe von „definitionsmüden“ Leuten aus dem Verein „Knowledge Research Center e.V.“ stellte kurzerhand einen Kategorisierungsvorschlag zusammen, der allen Forschern und Praktikern aus der von vielen verschiedenen Disziplinen geprägten Wissensmanagement-Community eine Verortung der eigenen geistigen Heimat „auf einen Blick“ ermöglicht. Wer schon mal mitbekommen hat, wie ein IT-ler, ein Psychologe, ein BWLer und ein Ingenieur darüber streiten, was Wissensmanagement denn nun ist, weiß zu schätzen, dass dieses Kategoriensystem schnell klären könnte, wer von welchen Grundprämissen ausgeht.


Mehr Infos zum Ordnungsrahmen und ein weiterer Rückblick auf die Tagung siehe hier. Wie einfach wäre die interdisziplinäre Welt, wenn jeder Fachbeitrag zu Beginn aufzeigen würde, in welchen Dimensionen er sich bewegt! Bei den Mathematikern und Physikern ist eine solche Kategorisierung von Beiträgen längst gang und gäbe und würde großen Nutzen für die Rezipienten bringen, da die Aussagen der Autoren erst mit dem Wissen um deren Grundannahmen richtig zu verorten sind.

Das Tagungsdinner war lecker, die Leute interessant, die Stadt Passau eine tolle Location – so bleibt ein einziger Wermutstropfen, nämlich die erstaunlich kleine Teilnehmerzahl. Waren es bisher meist 250-300 Teilnehmer, versammelte sich diesmal ein Bruchteil zum gemeinsamen Denken. Andererseits nehme ich so oder so viele gute neue Impulse mit auf die lange Zugfahrt zurück nach Köln, so dass die kleine Gruppe kein allzu großer Minuspunkt in meinen Augen war.

Ich freue mich jetzt schon auf die nächste ProWM in 2015 in Dresden!
Herzliche Grüße sendet Christine Erlach

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