Learning Histories: von der Macht der Erzählungen in Organisationen

23. Mrz 2017 in NARRATA erzählt

Aktuelle Info zum Stand der Initiative „Stories for Europe“ im April 2017: das erste Summit findet in Aachen am 15.09.2017 statt. Ort noch offen, wer Interesse hat, bitte bei NARRATA melden! Mehr Infos unter: www.stories-for-europe.eu

Nun aber zurück zum Anfang: was Learning Histories mit Stories for Europe zu tun haben…..

Anfang des Jahres fand an der Universität Groningen in den Niederlanden eine internationale Fachkonferenz zum Thema „Learning Histories for Sustainable Societies“ statt. Geladen waren die „Urväter“ aller narrativen Methoden im Kontext von Wissensmanagement und Lernender Organisation:
Prof. George Roth und Art Kleiner, die zusammen mit Peter Senge in den 90ern nach Möglichkeiten suchten, Organisationen durch den Anstoß von Reflexionsprozessen zu der Wendigkeit einer Lernenden Organisation zu führen. Am MIT Massachusetts wurden aus dieser Zusammenarbeit die sogenannten Learning Histories entwickelt, ein narratives Prozessvorgehen, das die multiplen Sichtweisen und das unterschiedliche Erfahrungswissen von Mitarbeitern hebt und aus diesen verschiedenen Narrationen eine gemeinsame „Learning History“, eine Erfahrungsgeschichte, schreibt.
Diese Erfahrungsgeschichte sammelt wichtige Erfahrungen und insbesondere die impliziten Wissensanteile der Beteiligten größerer Projekte: Denn die Erhebungsmethode der narrativen Interviews und die Multiperspektivität der verschiedenen Erzählungen machen Widersprüche, verborgene Wirkmechanismen und fehlerhafte Prozesse im Unternehmen sichtbar – ein Startpunkt für Reflexionsprozesse ist geschaffen, eine Reibefläche gelegt, mit der man sich auseinandersetzen muss und so in den Lernprozess im Sinne von Argyris‘ Douple Loop Learning einsteigt.

Mit den Learning Histories legte die Forschergruppe rund um Roth und Kleiner den Grundstein für alle narrativen Methoden im Wissensmanagement.

Es war beeindruckend, diesen Vordenkern der narrativen Zunft zuzuhören, die selbst wiederum neugierig lauschten, als die Projekte und Gedankenwelten aus dem europäischen Raum vorgestellt wurden und so sichtbar wurde, wie die Entwicklung der narrativen Herangehensweise auf Organisationen in Europa in den letzten 2 Jahrzehnten voranschritt.
Eine der besonders spannenden Fragen war, wie die Erzählungen der Beteiligten einer Organisation (oder einer Gesellschaft) die Prozesse und Methoden beeinflussen, die diese Organisation/Gesellschaft am Laufen halten: wir waren uns im Plenum einig, dass das Selbstbild einer Organisation massiv darauf Einfluss nimmt, inwieweit gewisse unterstützende Prozesse im ersten Schritt überhaupt angeboten und im zweiten Schritt genutzt werden:

Am Beispiel von Organisationen im Kontext von Wissensmanagement ist etwa zu beobachten, dass Unternehmen, die in ihrem Selbstbild den Wert „Wissensteilung“ nicht thematisieren, auch weniger oft Anreizsysteme für das Teilen von Wissen oder Zeitkonten für das Einarbeiten neuer Kollegen usw. anbieten. Darüber hinaus werden solche Angebote nicht gut angenommen, wenn sie denn dann doch (etwa durch externe Berater) aufgesetzt werden.

Natürlich stellt sich die Frage nach dem Huhn und dem Ei – doch so oder so kommt man nicht um die große Wirkkraft des Selbstbildes einer Organisation/Gesellschaft auf das Verhalten der Beteiligten herum, denn ohne Selbstbild keine Identität und ohne Identität keine Identifizierung und Motivation.

Doch wie kommt man dem Selbstbild eines Unternehmens auf die Spur?

Durch die authentischen Erzählungen der Mitarbeiter! Die Learning Histories machen die impliziten Werte der Mitarbeiter und die Grundhaltungen der Betroffenen in den Erzählungen der Mitarbeiter greifbar, die wiederum das Selbstbild prägen.
Die Fähigkeit der Learning Histories, Multiperspektivität sichtbar zu machen, führt im Kontext ganzer Gesellschaften – genauer: Europa – derzeit zu einer beunruhigenden Beobachtung: es gibt eine Ungleichverteilung der verschiedenen Erzählungen über Europa zugunsten rechtspopulistischer, Europa-feindlicher Narrationen.  Ein Gegengewicht an gemäßigten oder gar den europäischen Gedanken befürwortenden Narrationen ist hingegen kaum wahrzunehmen!

Stories for Europe!

Ob nun innerhalb der Perspektive des Wissensmanagements oder globaler aus Sicht der Gesellschaftspolitik gedacht: die dominanten Erzählungen innerhalb von Organisationen nehmen Einfluss auf die Organisation an sich. Es gilt daher, die Wirkkraft von Narrationen anzuerkennen, ihre Mechanismen zu verstehen und sie im Sinne eines Pluralismus an Werten mitzugestalten.
Genau dies werden wir uns auf der Fachkonferenz „Beyondstorytelling“ vorknöpfen: im Open Space werden wir eine Session anbieten, die sich den „Stories for Europe“ widmet und konkrete nächste Schritte für das Entwickeln und europaweites Kommunizieren von gemäßigten Narrationen ableitet. Die Fachkonferenz ist natürlich auch wegen der vielen anderen Sessions, Workshops und Keynotes ein heißer Tipp! Die Fachkonferenz widmet sich der Analyse des großen Potentials von Narrationen in Organisationen und bringt viele internationale Experten rund um die narrative Herangehensweise an Organisationen zusammen: 19.-20. Mai 2017, Heidelberg.
Natürlich dürfen beim Hinweis auf spannende Termine rund um Storytelling auch diese beiden Seminare nicht fehlen!

  • Seminar: „Narrative Methoden in Unternehmen. Wissen bewegen, Werte beleben – die Macht von Geschichten im Management“
    Termine: 04.-05. Mai 2017, Frankfurt a. Main
    Mehr Details zum Seminar in Frankfurt
  • Zertifzierung „Narratives Management“
    In Kooperation mit dem Institut für angewandte Narrationsforschung an der Hochschule der Medien Stuttgart bieten wir eine Ausbildung in 5 Modulen zum narrativen Management an. Mehr Details zur Zertifzierung rund um Storytelling in Unternehmen siehe auch hier.
    Das nächste Modul „Personal Storytelling“ findet am 28.-29.April 2017 statt und widmet sich der persönlichen Erzählkompetenz, die Führungskräfte wie Berater und Fachexperten in Vorträgen, Präsentationen, Reden usw. für das Überzeugen und Begeistern für neue Ideen gut brauchen können.

Beste Grüße sendet
Christine Erlach

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