Herbst, die Zeit des Abschiedes und des Wandels: der berufliche Herbst als Belastungssituation für ausscheidende Experten

07. Sep 2016 in Aktuelles, Allgemein

Seit ein paar Tagen ziehen die Gänse über unser Haus, ziemlich niedrig, so dass ich am Schreibtisch sitzend die volle Ladung „Sehnsucht nach Afrika“ abkriege.
Der Herbst zieht heran vor den Fenstern, die Zeit des Wandels und Abschiedes, der Vorbote der Ruhezeit im Winter, in dem die Natur innehält und auf den Neubeginn im Frühjahr wartet.

Der Herbst ist eine dunkle Metapher für die letzte Etappe im Leben, sei es das Menschenleben in Gänze oder aber das Berufsleben.
Zweiteres ist zwar natürlich dank der danach anstehenden Phase der Rente in keinem Falle vergleichbar mit der emotionalen Belastung, die das Wissen um das näher kommende Ende des eigenen Lebens bringt. Doch eines bleibt auch den baldigen Rentnern nicht erspart: der Abschied vom über Jahrzehnte gelebten Berufsalltag, der Abschied von Kollegen und von dem Einfluss, den man als Berufstätiger hatte. Fach- und Führungskräfte mit Expertenstatus lassen viel hinter sich, wenn sie in die Rente gehen.
Der Herbst im Berufsleben ist daher emotional belastend und eine schwierige Zeit des Wandels und des Abschiedes.

Das System dreht sich weiter, der bald in Rente gehende Experte wird jedoch weit vor der Zeit ausgeschlossen

Eine spannende Beobachtung in allen bisherigen Wissenstransferprozessen: die Experten werden mehr und mehr aus dem „running system“ ausgeschlossen! Die Gespräche auf den Fluren beginnen schon mehrere Monate vor dem eigentlichen Ausscheiden immer häufiger mit „Und, was haben Sie denn in der Rente so alles vor?“ Obwohl der Experte bis zum letzten Tag noch ganz und gar verantwortlich ist für seine fachlichen und strategischen Bereiche, wird er nicht mehr eingebunden in die informelle Kommunikation, die in Organisationen ein elementarer Bestandteil vieler Entscheidungsprozesse ist. Er wird abgekoppelt und nicht länger als Mitdenker und Ideenspinner eingebunden. Nur auf den Wegen der formalen Kommunikation wird er noch als Verantwortlicher adressiert.
Die Kollegen meinen es nett, doch unbewusst lassen sie weit vor dem eigentlich Ausscheiden den Betroffenen nicht mehr an der gemeinsamen Zukunft teilhaben.
Dies ist für viele Experten eine belastende Situation: „ich habe langsam keine Lust mehr, in die Kantine zu gehen. Immer die selben Fragen nach meinen Plänen in der Rente. Das langweilt mich!“
So eine typische Reaktion vieler Experten.

Der Herbst im Beruf: Wissenstransferprozesse als Chance auf Erneuerung und Bewahrung von Erfahrungsschätzen

Der Herbst der eigenen Berufslaufsbahn kann aber auch eine wertvolle Zeit des Neubeginnes markieren. Denn am Ende des Berufslebens möchten die Experten ihr Wissen und ihre Erfahrungen gerne bewahrt wissen. Gelingt ein Wissenstransfer auf einen motivierten und für den Erfahrungsschatz „des Alten“ offenen, neugierigen Nachfolger, fällt der Abschied um einiges leichter, so meine Erfahrung aus den Wissenstransfer-Prozessen, die ich mit vielen Experten kurz vor deren Ausscheiden aus dem Unternehmen durchlaufen habe.
Die eigene Reflektion auf den Erfahrungsschatz aus den vielen Berufsjahren hilft, „abzuschließen“ mit diesem Kapitel des Lebens, so die Rückmeldung vieler Betroffener. Der Austausch mit den Wissensnehmern (etwa dem direkten Nachfolger oder Mitarbeitern aus dem Team) schafft eine reele Chance, dass eigene Errungenschaften und bewährte Vorgehensweisen, die einem ans Herz gewachsen sind, auch nach dem persönlichen Ausscheiden weiter gelebt werden.
Ein gelungener Wissenstransferprozess benötigt:

  • Zeit für einen tieferen Austausch über die aktuellen wichtige Projekte, Entscheidungen, Prozesse – viele Unternehmen gehen fatalerweise davon aus, dass der Experte und der Nachfolger den Wissenstransfer „nebenbei“ ohne extra zeitliche Ressourcen bewältigen können! Das wird nicht gut gelingen, da immer die tagesaktuellen Anforderungen aus dem laufenden Projekt etc. wichtiger und dringlicher als der Wissenstransfer sind.
  • einen offenen Blick in die Vergangenheit des Unternehmens: welche Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit des Experten, welche Projekte und andere Aufgaben haben ihm geholfen, sein Expertenwissen zu mehren? Wovon kann der Nachfolger auch Jahre später zehren, wenn er den Wissensgeber selbst nicht mehr wird fragen können? Der Rückblick in die Höhen und Tiefen im beruflichen Werdegang des Experten und des Unternehmens hilft, dem Nachfolger komplexe Zusammenhänge zu verdeutlichen und eine Vorgelperspektive auf die aktuellen Aufgaben einzunehmen – er kann diese nun im größeren Ganzen der Vergangenheit bewerten und dadurch auch etwas besser die Zukunft erahnen.
  • einen Prozessverantwortlichen, der den Wissenstransfer moderiert und für das Ableiten von weiteren Maßnahmen und die Dokumentation des Wissenstransferprozesses verantwortlich ist. Idealerweise sollte diese Person fachfremd sein, denn der Experte wird durch Nachfragen dabei unterstützt, seine Erfahrungen in Worte zu fassen. Bleiben die Fachleute aber unter sich, werden entscheidende Fragen nicht gestellt – zu groß die Sorge, „dass man das doch eigentlich schon selber wissen müsste“…

Natürlich bedarf es noch einiger anderer Dinge für einen gelungenen Wissenstransfer, etwa einen geeigneten methodischen Zugang, der prozesshaft und flexibel sein muss, um den Wissensinhalten des Experten und den Wissensbedarfen der Wissensnehmer gerecht werden zu können. Dazu ein andermal mehr… 🙂

Beste Grüße sendet
Christine Erlach

P.S.: Einen Vortrag über Wissenstransfer beim Fach- und Führungskräftewechsel können Sie in diskutierfreudiger Runde in Frankfurt auf dem Anwenderforum Teleservice erleben. Die kostenlose Veranstaltung des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.) findet im Frankfurt a.M. am 27. Septemebr 2016, von 10 – 16 Uhr, statt. Hier nähere Infos zu den Vortragsthemen des Tages und zur Anmeldung.

Herbst – die Zeit des Wandels – noch wenige Restplätze frei: Narratives Changemanagement – Veränderungen mit Geschichten gestalten
Der Zertifikatslehrgang zum Narrativen Management an der hdm Hochschule der Medien Stuttgart am 22. + 23.09.2016 widmet sich nach den bisherigen Schwerpunkten „Personal Storytelling“, „Corporate Storytelling“ und „Narratives Wissensmanagement“ nun der Kunst der Organisationsentwicklung mithilfe von narrativen Methoden. Zielgruppe sind Berater und Funktionsträger im Bereich Change sowie Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter motiviert und mit hoher Identifikation durch veränderungsreiche Zeiten führen möchten. Mehr Infos zu den Inhalten siehe hier im Flyer zur Zertifizerung und hier der Link zur Anmeldung.

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