Zwei Ausflüge in die Welt des Design-Thinking: Der Berliner „Entrepreneurship Summit“ und die Messe „Deutsche Gründer- und Unternehmertage“ luden zu innovativen Workshops

07. Nov 2013 in NARRATA erzählt

Design Thinking ist Arbeiten im Vollrausch.

Findet zumindest der Berliner Design-Thinking Pionier Ulrich Weinberg. Als Weinberg, eigentlich Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen, vor etlichen Jahren das erste Mal an der d.school der Stanford University das Arbeiten mit Design Thinking – einer auf strukturierter Wissensteilung basierenden Innovationsmethode – erlebte, fragte er seinen Begleiter, den SAP-Mitbegründer und Design Thinking-Fan Hasso Plattner, irritiert: Woher kommt diese Energie? Sind die alle auf Droge?

Von dieser ersten Begegnung berichtete Weinberg – inzwischen Leiter der 2007 nach dem Stanford-Vorbild ins Leben gerufenen „School of Design Thinking“ am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam – jüngst, als er am 19. Oktober in Berlin eine Kostprobe der berauschenden Denkschule offerierte. Auf dem von der Freien Universität Berlin organisierten Entrepreneurship Summit lud er rund 30 Besucher ein, sich selber in einem Workshop an Design Thinking zu versuchen. Eine formidable Gelegenheit!

Design Thinking ist eine Innovationsmethode, die auf der Überzeugung basiert, dass wahre Innovation nur möglich ist, wenn Menschen verschiedener Disziplinen zusammenkommen und ihr Wissen strukturiert teilen. Denn: Der Experte in einer Disziplin, davon sind Design Thinker überzeugt, kann so gut sein, wie er will. Er wird niemals leisten können, was die Vertreter aus unterschiedlichen Fachrichtungen gemeinsam zu Stande bringen.

Forscher aus verschiedenen Disziplinen haben verschiedene Techniken, verschiedene Arbeitsweisen und unterschiedliche Denkansätze. Bringt man sie zusammen und berücksichtigt dabei auch Umsetzbarkeit und Wirtschaftlichkeit der gefundenen Ideen, ist der Fortschritt meist groß

Im Zentrum von Design Thinking steht dabei, dass der Prozess planvoll, nach einer festgelegten Ordnung und Struktur abläuft.

Design Thinking – ein zirkulärer Prozess in sechs Schritten mit viel Freiraum für alle Wissensträger

Was das in der Praxis heißt, erlebten die rund 30 Teilnehmer des gut zweistündigen Workshops bei der Suche nach Lösungen zu der konkreten Frage, wie man Menschen unterstützen kann, zu Gründern zu werden. In einer kurzen Einführung skizzierte Weinberg den idealtypischen Prozess des Design Thinking, der in der Regel folgende Schritte beinhaltet:

  • 1. Verstehen. Zunächst geht es darum, das Problemfeld zu verstehen. Was ist der Kern des Problems/der Herausforderung? Hierfür wird ein Glossar angelegt und ein gemeinsamer Arbeitsplatz eingerichtet. Die Recherche, etwa ein Fragenkatalog und der Ort der Recherche, wird geplant.
  • 2. Beobachten. Wie ist die Sicht auf das herausgearbeitete Problem/die Herausforderung aus verschiedenen Blickwinkeln? Wie sind die Betroffenen bislang mit dem Problem umgegangen? Wie sind ihre Rahmenbedingungen und die aktuellen Verhaltensweisen. Welche Bedürfnisse haben sie, was ist ihnen wichtig, was wünschen sie sich? Oft sind sich die Betroffenen ihrer Bedürfnisse selbst nicht bewusst. Erst die Kombination aus Beobachtung, den richtigen Fragen und Reflexion macht sie offensichtlich. Im Normalfall nehmen sich Design-Thinker für diese Recherche viel Zeit, verbringen mitunter Tage damit, die Betroffenen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten, ihre Geschichte zu ergründen. Als Weinberg seinen Studenten beispielsweise auftrug, das Leben von Obdachlosen zu verbessern, lebten einige sogar mehrere Tag auf der Straße, um die Bedürfnisse der Betroffenen besser verstehen zu können.
  • 3. Sichtweise definieren. Nachdem viele Informationen gesammelt sowie Daten ausgewertet sind und das Team sich ein umfassendes Bild gemacht hat, analysiert es, worum es eigentlich geht. Gemeinsamkeiten, Zusammenhänge, Abhängigkeiten, Konflikte und Spannungen werden sichtbar – und liefern die Basis für wichtige Rückschlüsse für die Lösungsfindung.
  • 4. Ideen finden. Wichtig sind dabei Kreativitätsmethoden, die das Wissen aller am Design Thinking-Prozess Beteiligten nutzen, um möglichst unterschiedliche Lösungsansätze zu bekommen. Eine nützliche Methode ist beispielsweise das Brain Writing – dass grundsätzlich zwar den Regeln und Phasen des Brainstorming unterliegt, im Unterschied dazu jedoch vorsieht, dass jeder Teilnehmer seine Ideen aufschreibt. Dadurch bleibt die Anonymität der Teilnehmer gewahrt und introvertierte Teilnehmer können ihre Ideen genauso einbringen wie extrovertierte.
  • 5. Prototypen entwickeln. Ideen lassen sich am besten beurteilen, wenn sie begreifbar werden. Dafür braucht es Prototypen, Modelle und Bilder. Im Prozess wird viel visualisiert: Auf Zetteln, mit Draht, Knetmasse oder Legosteinen werden Ideen entwickelt, Modelle gebastelt.
  • 6. Testen. Ob eine Idee wirklich gut ist oder ob die Lösung wirklich funktioniert – das zeigt sich letztlich erst, wenn die Menschen, für die sie gedacht sind, diese ausprobieren. Deshalb müssen die Prototypen getestet werden. Am besten ist, die Anwender einfach machen zu lassen und zu beobachten, wie sie mit dem Prototypen umgehen und was sie dazu sagen. Hilfreich ist, wenn der Anwender Vergleiche mit bekannten Produkten oder Lösungen aus ganz anderen Bereichen anstellt..

Wichtig ist, dass dieser auf den Ideen von David Kelley, Gründer der Design-Agentur IDEO und Stanford-Professor, beruhende Prozess sicherstellt, dass das Wissen aller einfließen kann, und dass die Bedürfnisse der Betroffenen im Fokus stehen. Ihre Möglichkeiten, ihr Wissen, ihre Anforderungen, ihre Wünsche sind maßgeblich. Sie müssen erkannt und intensiv kommuniziert werden.

Dabei durchläuft der Prozess in der Regel mehrere Runden. Durch frühes Erstellen und Testen von Prototypen werden Ideen schnell umgesetzt und evaluiert. Der Fokus liegt dabei weniger auf der detailgenauen Ausarbeitung von Ideen, sondern vielmehr darauf, umfassend zu experimentieren und neue Einsichten zu sammeln. Durch das Wiederholen und Abwechseln der verschiedenen Schritte entsteht ein zunehmend besseres Verständnis für das Problem und mögliche Lösungen. Eine Fehlerkultur ist ausdrücklich willkommen.

Design Thinking im Praxistest bei den Deutschen Gründer- und Unternehmertagen deGut

Dieser Prozess muss nicht lange dauern. Selbst in einem zweistündigen Workshop kann er erstaunliche Ergebnisse erzielen – wie ich nur wenige Tage später auf der Messe „Deutsche Gründer- und Unternehmertage“ (deGut) feststellen konnte, die am 25. und 26. Oktober mehr als 6000 Besucher in den ehemaligen Tempelhofer Flughafen lockte.

Auch hier gab es die Chance, an einem Design Thinking Workshop teilzunehmen. Aufgabe der Workshop-Leiterin Wencke Schwarz war die Entwicklung eines Schuhs, der Menschen glücklicher macht. (Die wichtigsten Ziele und Prozessschritte des Design Thinking stellte deGut-Referentin Wencke Schwarz schon vor der Veranstaltung in folgendem Video vor http://www.youtube.com/watch?v=NL4q4yuj-IU)

Auch an diesem Tag durchliefen die Teilnehmer des gut zweistündigen Workshops im Eilschritt einen Teil des Design-Thinking-Prozesses – mit beeindruckenden Ergebnissen: Die Innovations-Ideen reichten vom „Energiespeicher-Schuh“, der Energie, die bei der Reibung der Schuhsohle am Untergrund entsteht, speichern und beispielsweise zur Handyladung nutzen kann, über einen „Blinden-Schuh“, der seinem Träger fortlaufend akustische Informationen über die Bodenbeschaffenheit liefert, bis zum „Komponenten-Schuh“, der sich je nach Anlass unkompliziert anpassen lässt. Zwar reichte die Zeit nicht mehr für den Prototypen-Bau. Doch die Stimmung während des Prozesses und direkt im Anschluss war ähnlich wie Design-Thinking-Pionier Weinberg sie bei seinem ersten Kontakt mit Design Thinking empfand. Alle waren enthusiastisch. Und das ganz ohne Drogen.

Mit vielen Grüßen aus Berlin Kerstin Friemel

 

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