Positive Storytelling: Ich sehe was, was Du nicht (mehr) siehst…

06. Feb 2017 in NARRATA erzählt

Am ersten Januar habe ich begonnen Tagebuch zu schreiben. Sozusagen mein Vorsatz für 2017. Inspiriert dazu muss mich meine Tochter haben. Seit Wochen liest sie alle Bände von Gregs Tagebuch (Eltern von 8-12-Jährigen Kindern werden die Kinderbuchserie sicher kennen).
Seit nunmehr 36 Tage halte ich also, meist am Abend fest, wie es mir geht und was ich so für erwähnenswert halte. Schon seit dieser kurzen Zeit habe ich etwas Erstaunliches festgestellt: mir passieren so gut wie jeden Tag absolut faszinierende Dinge. Ganz sicher müssen sie mir auch schon vor meiner Tagebuchaktivität passiert sein, aber ich habe ihnen keine Beachtung geschenkt, sie einfach konsumiert, mich kurz gefreut und sie dann einfach vergessen. Jetzt, da ich bewusst auf einen Tag zurückblicke, stelle ich fest: selbst an einem noch so trüben Tag lassen sich mühelos schöne Ereignisse finden.

Zu Beispiel am Freitag ist mir etwas ganz Besonderes passiert: Ich hatte gegen 17:00 noch einen „schnellen“ Arzttermin. Die Sprechstundengehilfin machte mir jedoch unmissverständlich klar, dass wohl doch etwas länger dauern würde. Na prima, dachte ich, die Kinder alleine daheim, das Abendessen noch nicht fertig, die Wäsche nicht gelegt. Ich griff nach einer Zeitschrift und sagte innerlich zu mir: „Jetzt ruhig bleiben und die Zeit für dich nutzen. Ist doch prima, wann kannst du schon mal einfach so in Gala und Bunte blättern und dich über die prominente Welt informieren.“ Ich wollte mich gerade in eine ruhige Ecke setzen. Da bemerkte ich zwei Augenpaare, die mich auffordernd und neugierig anschauten. Sie gehörten einem Mädchen, vielleicht sechs Jahre alt, dass mit seiner Mutter in der Kinderecke saß und sich ein Wimmelbuch ansah. „Wir spielen ‚Ich sehe was, was Du nicht siehst‘, spielst Du mit“, fragte sie mich. Ich muss zugeben, ich war völlig überrascht und auch die Mutter war es und wiegelte schnell ab: „Süße, die Frau hat bestimmt keine Lust dazu und will ihre Zeitschrift lesen.“ Tatsächlich, das wollte ich eigentlich wirklich lieber und im Geiste formulierte ich schon eine nette Ablehnung, da dachte ich: „Warum denn nicht, die blöde Zeitschrift kannst Du immer mal wieder lesen, aber so eine spontane Aufforderung bekommst Du nicht so oft.“ Ich setzte mich also zu den beiden an den Kindertisch und sagte: „Ok, ich spiele mit.“ Die Mutter und die anderen Patienten schauten verblüfft auf. Dem Mädchen schien es völlig normal und sie fing an: „Ich sehe was das ist rot, ist in der Luft und hat unten einen Korb dran.“… Wir drei spielten fast eine Dreiviertelstunde zusammen und ich habe gar nicht mehr an meine Zeitschrift und meine verlorene Ruhe gedacht.

Als die Sprechstundenhilfe mich schließlich aufrief, legte das Mädchen ganz unvermittelt ihren Kopf an meine Schulter und lächelte mich an. Ich lächelte zurück und für diesen kurzen Moment lang verband uns zwei Fremde etwas ganz Besonderes, etwas was über diesen Moment hinausging.

Würde ich kein Tagebuch schreiben, hätte ich diesem Moment kaum Bedeutung zugemessen, ich hätte ihn vielleicht sogar bereits jetzt vergessen gehabt. Aber so schrieb ich ihn als Tageshighlight auf und habe ihn und seine Einmaligkeit dadurch noch einmal erleben dürfen.

Ich glaube ganz fest daran, dass wir alle ständig wunderbare Geschichten erleben, die uns einen Tick glücklicher machen können. Nicht nur im Privaten, auch im Berufsleben. Wir müssen ihnen nur mehr Raum geben, sie wahrnehmen, sie zelebrieren und hegen.

Ich freue mich über den Mut und die Unbefangenheit des kleinen Mädchens, von dem ich nicht einmal den Namen weiß, und wünsche mir, dass sie diese Offenheit nie verlieren möge.

Mit herzlichen Grüßen,

Karin Thier

P.S.:
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